Wenn beruflich und privat gleichzeitig alles drängt: Wo fange ich an?
- Timo Pantwich
- 22. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Vor ein paar Wochen saß eine Klientin bei mir im Coaching, Ende zwanzig, in einer Berufsgruppe des öffentlichen Dienstes mit hoher Einsatzbelastung. Beruflich gerade in einer Phase mit hoher Belastung, viele Einsätze, viel Verantwortung, wenig Pause. Parallel dazu privat einiges in Bewegung, das ebenfalls Kraft kostete. Sie kam nicht mit einer klaren Frage, sondern mit einem Zustand: zu viel auf einmal, und keine Ahnung, wo sie zuerst ansetzen sollte.
Das ist kein Einzelfall. Es ist der Moment, in dem die meisten Menschen mit wachsender Verantwortung irgendwann landen. Solange nur ein Lebensbereich fordert, lässt sich das kompensieren. Schwierig wird es, wenn mehrere Bereiche gleichzeitig Druck aufbauen und das Gefühl entsteht, überall gleichzeitig zu versagen, weil man nirgends mehr voll da sein kann.

Warum die erste Frage nicht "Was tue ich?" sein sollte
Der naheliegende Reflex in solchen Situationen ist, sofort ins Handeln zu kommen. Irgendwas anpacken, irgendwo Boden gewinnen. Genau das war bei ihr aber nicht der erste Schritt. Bevor man handelt, muss man wissen, woher die Belastung eigentlich kommt und welcher Teil davon gerade die meiste Energie zieht. Sonst optimiert man am falschen Ende.
Dafür arbeite ich gerne mit dem ISA-Dreieck: Ich, Soziales, Arbeit. Drei Achsen, die zusammen ein Bild davon ergeben, wie ein Leben aktuell ausbalanciert ist, oder eben nicht. "Ich" steht für das, was die Person für sich selbst braucht, körperlich, mental, an Erholung. "Soziales" für Beziehungen, Familie, Freundschaften, alles, was Halt und Austausch gibt. "Arbeit" für die berufliche Rolle mit ihren Anforderungen und ihrem Sinn.
Wo ist gerade am meisten Druck, wo wird am meisten investiert, und wo bleibt am Ende nichts mehr übrig?
Das Modell ist keine Diagnose und kein Test. Es ist ein Werkzeug für eine ehrliche Bestandsaufnahme. Bei ihr zeigte sich schnell, dass die Achse Arbeit fast die komplette Kapazität band, gleichzeitig die private Achse zusätzlich belastet war, und die Ich-Achse faktisch auf null stand. Kein Wunder, dass sich alles gleichzeitig zu groß anfühlte.
Mit der Bestandsaufnahme allein ist es aber nicht getan. Der eigentlich entscheidende Schritt kommt danach: zu fragen, woher dieser Istzustand kommt. Nicht nur, dass die Arbeitsachse überlastet ist, sondern wodurch genau, seit wann, und welche eigene Bewertung der Situation mit hineinspielt. Oft verschiebt sich allein durch diesen Blick schon etwas. Wenn man bewusst auf die eigenen Ressourcen schaut, auf das, was man in der aktuellen Belastung bereits geschafft hat, verändert sich häufig die subjektive Einschätzung der Lage. Manchmal löst das sogar einen Glaubenssatz, der bis dahin unbemerkt mitgearbeitet hat, etwa die Annahme, alles allein und ohne Unterstützung schultern zu müssen. Wird so ein Satz sichtbar und in Frage gestellt, entsteht oft von selbst mehr Energie für den nächsten Schritt, nicht weil sich die äußere Belastung verändert hat, sondern weil sich die innere Haltung dazu verändert hat.
Was aus der Bestandsaufnahme wurde
Wir haben uns zweieinhalb Stunden Zeit genommen, das war wichtig, eine solche Klärung lässt sich nicht in zwanzig Minuten erledigen. Aus der Bestandsaufnahme heraus haben wir zwei, drei konkrete Punkte herausgearbeitet, die ihr aktuell am meisten Energie raubten. Nicht zwanzig Baustellen, sondern die zwei oder drei, die wirklich den Unterschied machen würden, wenn sie sich verändern.
Zu jedem dieser Punkte haben wir dann geschaut, was an Lösungsmustern bereits angelegt war, oft liegen die nämlich schon in der eigenen Geschichte der Person, nur unsichtbar unter dem aktuellen Druck. Genau diese Ressourcenarbeit war es auch, die bei ihr die Wahrnehmung verschoben hat: vom Gefühl, komplett zu versagen, zum Blick auf das, was sie unter diesem Druck bereits seit Monaten leistete. Das ist ein Punkt, den ich aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen kann. Als ich vom Azubi zum Geschäftsführer wurde und plötzlich für 40 Mitarbeitende und einen Jahresumsatz von 22 Millionen Euro Verantwortung trug, gab es Phasen, in denen sich die Anforderungen aus mehreren Richtungen gleichzeitig stapelten. Was mir damals half, war nicht mehr Disziplin, sondern der Blick zurück: Was hatte mich durch frühere Drucksituationen schon einmal getragen, und wo hatte ich diese Ressource gerade aus dem Blick verloren.
Genau das haben wir auch in dieser Sitzung gemacht, Ressourcenarbeit mit Blick nach hinten, auf das, was schon einmal funktioniert hat, und mit Fokus nach vorne, auf das, was als nächstes konkret angegangen werden sollte.
Was du selbst damit anfangen kannst
Du musst für eine erste Orientierung nicht bei mir im Coaching sitzen. Nimm dir zehn Minuten und ein Blatt Papier. Zeichne drei Achsen und schätze für jede auf einer Skala von eins bis zehn ein, wie viel Kapazität dort aktuell gebunden ist und wie viel dir davon noch guttut statt nur zu kosten:
Ich: körperliche und mentale Erholung, Zeit für dich selbst
Soziales: Beziehungen, Familie, Freundschaften, Austausch
Arbeit: berufliche Anforderungen, Verantwortung, Sinn
Schon dieser einfache Schritt zeigt oft erschreckend deutlich, wo das eigentliche Problem liegt, und wo nur das Symptom.
Der Fehler, den viele machen, ist, an der Stelle anzusetzen, die am lautesten ist, meistens die Arbeit, statt an der Stelle, die am meisten kippt. Eine ehrliche Bestandsaufnahme über alle drei Achsen verhindert das.
Wenn sich bei dir gerade mehrere Bereiche gleichzeitig zu groß anfühlen und du nicht weißt, wo du anfangen sollst: Das ist ein guter Anlass für ein Erstgespräch. Wir schauen gemeinsam auf dein eigenes Dreieck und finden heraus, welche zwei oder drei Punkte bei dir wirklich den Unterschied machen würden.



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